„Das sah natürlich verheerend gut aus!“

Zeitreise mit Christian Pohlert durch deutsche Verstärkertechnik

Anzeige
Winston Christian Pohlert
Christian Pohlert mit Winston-Gesangsanlagen von 1969: PA200 Röhrenverstärker und CS100-Boxen, mit Bastgewebe in „Saloon“-Optik bespannt (Bild: Pohlert)

Christian Pohlert will die deutsche Verstärker- und Instrumententechnik im Umbruch zwischen Röhre und Transistor nachzeichnen. Über die Jahre hat der 69-jährige Sammler mehr als 400 Verstärker, Boxen und Instrumente zusammengetragen, von Dynacord und Echolette über Hohner und andere. Auch legendäre Orgeln und Synthesizer – teils international – finden sich in seiner Zusammenstellung. Zu Besuch bei einem, der nicht anders kann, als sich für die Ingenieursleistungen der Pionierzeit zu begeistern, die manchmal unter dem Deckmantel der „Gestrigkeit“ in Vergessenheit geraten.

„Was sie hier sehen, sind rund 430 Verstärker und Boxen“, erklärt Christian Pohlert. „Und zwar alle aus der Übergangszeit von der Röhren- hin zur Transistortechnik – das begann in den sechziger Jahren.“ Er bezeichnet die Geräte gerne als „Bühnenmöbel“, weil sie optisch eindrucksvoll das Bühnengeschehen prägten. „In meiner Jugend sind wir damals auf Konzerte gegangen, um uns anzuschauen, welches Equipment die Musiker spielten.“ Der heute 69-Jährige erzählt mit ruhiger, leicht rauchiger, sonorer Stimme, der man gerne länger zuhört.

Anzeige

Draußen herrscht ein nasskalter Tag, Anfang März im letzten Jahr. In einem ehemaligen Supermarkt in der Nähe von Limburg hat Pohlert das Lager seiner Sammlung eingerichtet. Zum Eintreten sind die automatischen Schiebetüren aus Glas aktiviert, sie stammen noch aus der Zeit des Supermarkts, ebenso wie der beige-gefleckte Fliesenboden der rund 280 Quadratmeter großen Verkaufsfläche. Drinnen ist es kühl, keinen Deut wärmer als draußen, das Lager wird nicht groß beheizt. In mehreren Bahnen ist die Verstärkertechnik vorwiegend aus der deutschen „Pionierzeit“ seit Mitte der 1960er Jahre aufgereiht, fast ähnlich wie früher die Supermarktregale, nur dichter. Es herrscht unverkennbar eine klare Ordnung. Die meisten Geräte sind mit transparenten Plastikplanen abgedeckt, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen.

Boxen Echolette Dynacord
„Boxengasse“: Unterschiedliche Iterationen derselben Rohling-Produktion, die für die Boxen bei Echolette und Dynacord zum Einsatz kam (Bild: Nicolay Ketterer)

Neugier als Antrieb zur Sammlung

Von Reinhold Messner wird auf die Frage, warum er sich den Tort antut, auf unmenschliche Berge zu klettern, seine Antwort kolportiert, „weil der Berg da ist“. Bei Christian Pohlert ließe sich die Motivation vermutlich ähnlich zusammenfassen – weil es die Technik gibt. Fragt man Pohlert, wie das alles angefangen hat, erzählt er eine Anekdote: In seiner Jugend machte er mit Schulfreunden Musik, spielte den Höfner Beatles-Bass, auf dem Land in Norddeutschland. „Mike Krüger hat damals Schlagzeug bei uns gespielt. Wir zogen durch die Hamburger Musikhäuser – mit der U-Bahn, wir hatten ja noch gar keinen Führerschein! Vor Ort wurde genau geschaut, was es Neues gibt. Selbst von den damals schon farbigen Fender-Prospekten gab es nur ein Exemplar im Laden, man musste also hin. Jedes einzelne Geschäft mit der U-Bahn zu erreichen – das war jedes Mal eine kleine Weltreise! Aber das hat mich quasi fortgebildet. Andere Jungs in meinem Alter – ich war keine 14 – haben Autoquartett gespielt, ich habe mir Instrumente und ‚Verstärker-Klamotten‘ aus Amerika und so angeguckt.“

Die Initialzündung zur Sammlung fand Anfang der 1990er Jahre statt: Ehemalige Weggefährten trafen sich auf Fehmarn zu einer Jam-Session, einer von ihnen hatte dort ein großes Haus im Surf-Revier. „Jemand führte stolz seine neue Fender-Baritongitarre vor, praktisch ein Bass mit sechs Saiten.“ In den 1960er Jahren gab es beispielsweise das ähnliche Fender Bass VI-Modell. Als Pohlert ihm eröffnete, Höfner habe in Deutschland ebenfalls damals entsprechendes für damalige Samba-Truppen gebaut – einen sechssaitigen Bass – wurde er für verrückt erklärt, so der Sammler. Das verstand er als Ansporn, spürte das Instrument aus Neugier gebraucht auf. „Nach dem Bass dachte ich mir: Was ist eigentlich mit meinem Eminent-Verstärker von damals, und meinem Dynacord Bass King?“, er kam von einem Thema zum nächsten.

„Ich hatte fast gar nichts mehr von früher, und habe dann Feuer gefangen! Und fand es irre, wie schwer bestimmte Sachen aufzutreiben waren, trotz Ebay.” Das Online-Auktionshaus schwappte gerade über den großen Teich. „Ich hatte vor allem mit vielen Leuten gesprochen.“ Er hat „99 Prozent selbst abgeholt“, wie er sagt. „Ich war in halb Europa unterwegs, selbst in Thailand, Kanada und Amerika habe ich die Sachen eingesammelt – nichts per Post! Meine Freunde hielten mich für verrückt. Jahrelang fuhr ich zu den Leuten, das war halt mein Hobby. Andere haben sich in der Kneipe getroffen und den Barolo reinlaufen lassen – ich habe auf meinen Touren Leute getroffen aus den unterschiedlichsten Kreisen aller Couleur, die man normalerweise gar nicht irgendwo trifft!“ Den sechssaitigen Höfner-Bass 188 hat er mittlerweile gleich in mehreren Varianten.

Hohner Champion Christian Pholert
Hohner „Champion“-Röhrenverstärker von 1975, mit 120 Watt: Das aufwendige Bedienpanel bietet eine Mischpultsektion pro Kanal samt Push-Pull-Poti-Belegung, dazu Hall und Vibrato. Als Box dient hier das Hohner UB1 („Universalbox) Breitband-Modell (Bild: Christian Pohlert)

Aus der Kleinstadt nach Amerika

Musik ist sein Hobby, beruflich war Pohlert Redakteur und Diplom-Designer, bis 2019 bei der F.A.Z. angestellt. „Als junger Mann wollte ich in den Journalismus und hatte bei dpa Kontakte“, erinnert er sich. „Mein Vater hatte mich empfohlen und ich konnte 1976 mit 22 Jahren zur Olympiade in Montreal fahren: Dort war es mein Job, für die Fotografen einen Messenger-Dienst zu organisieren“, erinnert er sich. Von jedem der Wettkampf-Orte mussten die analogen Filme der Reporter zur Entwicklung ins Labor geholt werden, die wichtigsten Bilder per Bildtelegrafie gefunkt, die meisten aber analog in Auflagen vergrößert und per Luftfracht nach Deutschland geschickt. „Ein riesiger Aufwand! Damit die Filme zügig ins Labor kamen, rasten zwölf Messenger mit Puch-Mofas über das Gelände, nach München 1972 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.“

Die internationale „Luft“ gefiel ihm, er voluntierte als Fotoreporter bei dpa, jobbte bereits als Student bei der „Tagesschau“. Er ging nach New York und studierte dort Film an der NYU. Später landete er bei der F.A.Z. und wurde schließlich langjähriger Leiter der Bildredaktion. Im Zuge der Sammelleidenschaft ist er vor Jahren nochmal in die Nähe von Montreal zurückgekehrt, nach Drummondville. „Da hingen Lampions am Bungalow: Der Besitzer gab eine Party für mich, weil er kaum glauben konnte, dass da jemand aus Deutschland kam, um seinen Bass selbst abzuholen!“ Christian Pohlert ist nach kurzer Zeit in seinem Element, seine Augen leuchten, fast jugendhafte Begeisterung blitzt auf.

Dynacord Amp-Line
“Dynacord-Straße”: Vorne: Dynacord Eminent Mischverstärker-Modelle ab 1966, sowie das passende Bandecho im baugleichen Gehäuse, auf Dynacord-Boxen gestellt. Die unterschiedlichen Generationen reichen hier bis zum späteren Eminent IV-Powermixer in Transistortechnik, samt komplexerer Klangregelung und Effektmöglichkeiten. (Bild: Christian Pohlert)

Fast zu wenig Platz im Supermarkt

Seine Frankfurter Wohnung hat er inzwischen aufgegeben, wohnt in der Nähe. „Meine damalige Lieblingssekretärin bei der F.A.Z. wohnt hier um die Ecke, sie vermittelte mir den Raum. ‚Bisschen groß‘, dachte ich, zunächst hatte ich 100 Quadratmeter gesucht. Als ich dann das ganze Equipment von verschiedenen Aufbewahrungsorten hierher transportieren ließ, wurde mir erst bewusst, wie viele tolle Sachen ich habe! Wenn man das 20, 30 Jahre macht und nicht ständig vor sich sieht, verliert man den Überblick!“, er lacht. „Am Ende, als alles beisammen war, schien der Platz fast knapp. Die Industrie-Regale habe ich aus der Nachbarschaft gekauft, mein Nachbar hatte mir geholfen.“

An einer Seite ist ein großes Fotostudio mit zwölf Meter breiter Hohlkehle und Scheinwerfern eingerichtet, er will die Technik gerne „artgerecht“ dokumentieren. In einer Fotobroschüre hat er die „Meilensteine“ zusammengestellt. Aus der Ursprungszeit gibt es so gut wie keine Fotos, schon gar nicht in Farbe, so Pohlert.

Röhrenklang findet Christian Pohlert origineller als digitale Verstärkung

Wie empfindet er selbst den Klang der Röhrentechnik bei den Verstärkern? „Dort kommt richtig guter Klang heraus – nicht immer, aber bei manchen Geräten ist das ästhetische Ergebnis erstaunlich und – je nach Geschmack – durch die Färbung der Röhrentechnik origineller und intensiver als das, was heutige Technik liefert.“ Auch die hochwertig gemachte Transistortechnik liefere beeindruckende Klangergebnisse. Digitale Class-D-Verstärkung sei ein anderes Konzept, mit der Zielsetzung möglichst transparenten Sounds. „Früher erhielt man den eigenen Sound aus einem charakteristischen Gerät. Heute läuft alles über ein Mischpult und eine PA, die Soundästhetik wird digital geformt.“

Stichwort deutsche „Pionierzeit“ bei den Verstärkeranlagen: Pohlert verweist auf frühe Gitarrenverstärker von Echolette, Hohner oder Dynacord. Wie das damals war, in der noch „jungen“ Rock’n’Roll-Welt, aus der Sicht einer deutschen Kleinstadt? „Auf der einen Seite gab es das Wirtschaftswunder, alles war neu, aber gleichzeitig auch noch sehr ‚klein‘. Die jungen Leute hatten amerikanische Vorbilder. Firmen wie Dynacord haben schnell gemerkt – ‚da geht’s hin, da müssen wir was machen!‘ Sie hatten Verstärker für Musiker in den 1960ern gebaut wie den ‚Echo King‘, vor allen Dingen für Alleinunterhalter und kleine Musiker-Kombos.“ Richtige PAs gab es noch lange nicht, lediglich kleine Gesangsanlagen.

Dynacord DB2150
Dynacord DB2150-Boxen mit Fächerlinse, die die Schallabstrahlung des Horns horizontal verteilt – im Fotostudio des Supermarkt-Lagers von Pohlert in ein gefühltes „Disco-Habitat“ aus Nebel und Farben getaucht. (Bild: Christian Pohlert)

„Diskotheken gab es noch gar nicht“

„Man muss sich vorstellen: Diskotheken gab es noch gar nicht. Auf dem Lande wurde die ein oder andere Scheune mit einem Schallplattenspieler ausgerüstet, aber im Grunde genommen waren Showbands unterwegs. Ganz stark waren Rumba, Samba oder Tango vertreten – die südamerikanischen Rhythmen waren sehr angesagt. Das sehen sie in alten Gasthöfen, die stehen teilweise noch. Showbands mit weißen Anzügen und Fransen! Sie haben die Leute bei Familienfesten und großen Tanzveranstaltungen unterhalten, bevor sie in den 1970er Jahren von den Diskotheken verdrängt wurden – weil das viel billiger war und Platten mehr Auswahl boten. Die jungen Leute haben sich damals für Twist und Rock`n Roll interessessiert und für Beatles, Stones oder Yardbirds geschwärmt.”

Ohne PA: Die Musiker waren bei der Verstärkung auf sich gestellt

Die Rebellion der Jugend gegen das muffige, gestrige manifestierte sich auch in der Ablehnung der hiesigen Amp-Technik. „Die ganze deutsche Verstärker-Technik, die ja oft zuverlässiger funktionierte, haben die jungen Leute auf der Bühne ‚versteckt‘, weil das Tanzmucke war. ‘Beatmusiker’ wollten sich lieber mit einem angesagten AC30 oder dem Bandmaster sehen lassen! Man ging auf die Bühne, hat alles aufgedreht und dann losgespielt. Das war irre laut. Alle anderen mussten an die Lautstärke irgendwie ran, was nicht zu machen war – vor allem für Bassisten nicht.“ Er spricht das Phänomen an, dass für die tiefen Frequenz viel mehr Energie zur gleichen Wahrnehmung nötig ist. Ohne PA war jeder Musiker auf sich allein gestellt. „Der Durchbruch für die Bassisten war Hiwatt, mit 200 Watt-Endstufen, später kam Orange. Marshall zog nach. Wir sind von Hamburg mit der Fähre, Prinz Hamlet, über Harwich nach London gegurkt und haben versucht, gebraucht an einen Hiwatt-Verstärker zu kommen – das war alles wahnsinnig teuer für uns! Der Höfner-Bass kostete 1967 555 D-Mark. Für dasselbe Geld bekam man auch einen gebrauchten Käfer. Ein Fender Precision Bass, wenn man ihn überhaupt kriegte, kostete locker zwölfhundert D-Mark auf der Reeperbahn“, erinnert er sich. „Wir schwammen ja nicht im Geld – mit Autowaschen oder Rasenmähen können sie kein großes Equipment finanzieren.“

Echolette PA
Echolette-Transistor-Mischverstärker der P.A.-Serie aus den 1970er Jahren, oben ein separates Bandecho/Hallgerät. Pohlert verweist auf die modern gestaltete, vergleichsweise futuristische Optik (Bild: Christian Pohlert)

Deutsche Technik war günstiger als die internationalen Produkte – und verfügbarer

Gerade angesichts der Preise und mangelnden Verfügbarkeit der internationalen Produkte waren heimische Produkte interessant. Erste Combo-Amps wurden von Schaller, Hohner und Dynacord gebaut. Echolette hatte kurze Zeit später den „Showstar“- im Programm, praktisch eine eigenständige Kopie des Fender „Dual Showman“, samt Trennung von Verstärker und Box. Seine Verstärker sind allesamt gut in Schuss. Ihn begeistert, wie deutsche Ingenieure von US-Vorbildern inspiriert wurden – und später umgekehrt.

Auch amerikanische Referenzen sind in Pohlerts Sammlung vorhanden, darunter Modelle von Fender, Vox, Yamaha oder HH Electronics. Insgesamt will er die Geschichte speziell des deutschen Verstärker- und Boxenbaus nachzeichnen, am Bruchpunkt zwischen Röhren- und Transistortechnik, bis etwa 1980. „Ich habe mich immer gefragt, wie es möglich war, dass vor dem für mich als Jugendlichen kleinbürgerlich anmutenden Hintergrund technisch wirklich geniale Ideen entstanden sind.“ Er verweist auf die Ära der Protestsongs, Jimi Hendrix, der technisch innovative Wege ging und als Idol einer Generation hierzulande galt, die gegen ihre Eltern und deren Schweigen über die eigene Vergangenheit revoltierte.

Dazu kam die Friedensbewegung gegen den Vietnam-Krieg, das allgemeine Misstrauen gegenüber dem Establishment. Auch optisch faszinierte ihn der Wandel der Designs, von konservativen Kästen in „Dampfradio-Optik“, wie er sagt, die die Kleinbürgerlichkeit abbildeten, bis hin zu retro-futuristisch anmutenden Entwicklungen: „Die Veränderungen in so kurzer Zeit – das sind keine zehn Jahre – ist unglaublich. Musikalisch sowieso – von Elvis bis zu Led Zeppelin, das muss man sich mal reinziehen!“ Er lacht. „Den Höfner-Beatles-Bass gab es plötzlich auch mit aktiver Elektronik. Aus dem Grund fand ich es spannend, mich damit zu beschäftigen, was vor der Tür, in den Kellern oder auf den Dachböden noch an vergessenen Raritäten aus Deutschland herumstand.“ Sonst hätte er sich auch lauter Marshall-Boxen hinstellen können, meint er lachend.

Der englische Hersteller machte in den späten 1960er Jahren die großen 4×12-Stacks populär, mit denen beispielsweise Hendrix auftrat. In Deutschland wurden beispielsweise für die Marken Dynacord, Echolette sowie der Echolette-Marke Winston kleinere 2×12-Zoll-Boxen gebaut. Pohlert verweist auf eine Straße aus Gitarren-Amp-Stacks der drei Fabrikate, sozusagen eine „Boxengasse“ im Supermarkt: „Die ganze Reihe ist praktisch immer dieselbe Box“, erklärt er. „Sie haben jeweils nur die Stoffbespannung, die Logos und die Lautsprecherbestückung geändert. Alle klingen unterschiedlich, es waren auch zwei verschiedene Tiefen verfügbar, alles ziemlich ausgeklügelt. Sie sind zwar kleiner und sollten vielleicht aus der Ferne optisch 4×12-Boxen imitierten, waren aber deutlich handlicher.

Farfisa Professional 110 R
Farfisa baute mit der „Professional 110 R“ (was für „Rhythmus“ steht) eine aufwendige Hammond-Kopie. Die Orgel mit den zwei Manualen beeindruckte Pohlert selbst (Bild: Christian Pohlert)

Seinerzeit gab es eine Tischlerei bei Augsburg – da war ich mal – dort wurde das leichte Pappelholzgehäuse gebaut.“ Er zeigt einen verkürzten JBL-Lautsprecher, der in Dummy-Boxen eingebaut wurde. „Sehen sie, da fehlt hinten der Magnet!“ Er lacht. „Damit zusätzliche Fake-Boxen auf der Bühne echt aussahen, wurde solche Teile eingebaut, um Kosten und Gewicht zu sparen. Es ging um eine imposante Backline. Fünf Tower mussten es schon sein.“ Gleichzeitig fasziniert ihn der Stand der Technik seinerzeit: „Die Echolette-Ingenieure erkannten, dass der Versatz-Kante des hinter dem Holz-Frontbrett montierten Lautsprechers einen Nachteil für das Abstrahlverhalten und die Lautstärke darstellt. Sie haben diesen Metallring erfunden, der den entstehenden Absatz als Verlängerung in die Membranform integriert.“ Den Metallring soll Fender später übernommen haben, er lacht. – „Später wurden die Lautsprecher von vorne eingesetzt. Achten sie auf die Tischlerarbeit, hier ist alles bündig eingefräst.“ Er zeigt es an einer Box mit abgenommener Frontbespannung.

Frühe Gesangsanlagen

Zurück zu den Gesangsanlagen: „Die englische Firma WEM hatte die ersten richtig großen PA-Anlagen auf die Bühnen gestellt. Davon waren wir in Deutschland weit entfernt, allein weil damals noch keine so großen Festivals veranstaltet wurden.“ Lediglich das Love & Peace-Festival auf der Insel Fehmarn, bei dem auch Jimi Hendrix auftrat, bildete 1970 einen ersten Vorgeschmack, allerdings mit eher abenteuerlicher Technik. Der Stand zuvor in Deutschland? „Die größeren Gesangsanlagen waren damals durchgängig von Dynacord und auch von Echolette, weil sie wirklich gut funktionierten. Die Echogeräte, ein Klemt-Patent, waren super, damit konnte man elektro-akustisch irre Effekte machen.“ Dynacord hatte mit der Eminent-Serie ab 1966 kompakte Röhrenverstärker im Programm, dazu die erwähnten „Echocord“-Bandechogeräte im passenden Gehäuse, dazu Dynacord-Boxen. Damals waren vier einzeln ansteuerbare Kanäle geboten, eine zweifache Klangregelung pro Kanal, sowie Bass- und Höhenregelung für das Gesamtsignal.

Er zeigt auch zwei Winston Gesangsanlagen aus PA200-Röhrenverstärkern (200 Watt/135 Watt RMS) von 1969, dazu CS100-Boxen, mit Bastgewebe in Saloon-Optik bespannt, wie auch bei deren Gitarrenboxen. „Hier wurde die Gitteroptik, wie sie später mit Metall gemacht wurde, vorweggenommen – allerdings mit Stoff gewebt, als dreidimensionaler Effekt.“ Der detailreiche Look beeindruckt. „Zwei Boxen hätten für die Gesangsanlage genügt, mit vier war der Klang besser, wenn es laut werden sollte – man wollte die einzelnen Lautsprecher damals nicht so stark belasten.“

Lautsprecher
Ersatzteillager: Lautsprecher in Regalen (Bild: Nicolay Ketterer)

Druckvolle Transistor-Technik: Fender Rhodes E-Piano über ein Solton TurboJet-Leslie verstärkt

Parallel kamen erste Transistor-Endstufen auf den Markt. „Bei den Instrumentenverstärkern galt: Bassisten waren froh über höhere Leistung und geringeres Rauschen – den Gitarristen gefiel der Klang allerdings gar nicht; auch, weil sich das Sound-Empfinden in Sachen Verzerrung à la Hendrix verändert hatte. Transistor-Endstufen konnten praktisch nicht übersteuert werden.“ Dass Transistor-Verstärker ebenfalls druckvoll und eigenständig klingen können, demonstriert er an einem alten Fender Rhodes E-Piano – er schließt es an ein großes Solton TurboJet Leslie-Ungetüm aus den 1970er Jahren an, eine deutsche Variante des amerikanischen Hammond-Originals. „Die Maschinerie ist perfekt – der Motor bremst sofort, wenn man in die langsamere Geschwindigkeit geht. Beim originalen Leslie verlangsamt sich die Geschwindigkeit allerdings kontinuierlich, was als Übergang bei Musikern beliebter war. Dafür funktionierte das Solton-Leslie immer“, meint er lachend. Er schaltet es ein und spielt ein paar Akkorde, die den Saal oberhalb von Zimmerlautstärke raumgreifend einhüllen.

Christian Pohlert: „Hohner, das war ja die Akkordeon-Fraktion – die waren überhaupt nicht beliebt angesagt bei den jungen Beat-Musikern! Das war unterirdisch, Tanzmucke – aber obwohl es gut funktionierte!“

In den 1970er Jahren bekam die Verstärker-Entwicklung weitere Impulse. „Damals haben Firmen wie Hohner angefangen, irre Mischpulte auf den Verstärkern zu realisieren – fünf, sechs Schieberegler pro Eingang, Push/Pull-Potis, Einstellmöglichkeiten ohne Ende.“ Er verweist auf die Hohner „Champion“-Anlage. Man habe damit geworben, dass unterschiedlicher eigenständiger Klang kein Problem ist – auch der „American Sound“ nicht.

Klemt EV222
Seltener Transistor-Mischverstärker EV222 von Klemt mit Stereo-Endstufe – für getrennt mischbares Original- und Effektsignal des integrierten Bandechos/Halls. Im Hintergrund: Echolette-Gesangboxen LE5 (Bild: Christian Pohlert)

Ein seltenes, laut Pohlert wohl nur in Kleinserie hergestelltes Modell, ist der Transistor-Mischverstärker EV222 von Echolette-Entwickler Klemt. „Jeder Kanal wird auf ein komplexes Bandhallgerät gelegt. Der Verstärker hat eine Stereo-Endstufe: Das verhallte und das Originalsignal wird auf die Boxen verteilt, sodass ein besonderer Raumeffekt entsteht! Es ist allerdings viel zu kompliziert zu bedienen, da werden sie verrückt!“, er lacht. „Wenn sie irgendwo schieben, ändert sich auch der Effektteil im Ganzen.“

Von der Tanzband- zur Disco-Beschallung

Ein paar Jahre später verschwanden die Tanzbands, als Discos aufkamen. Die Anlagentechnik erfuhr eine passende Weiterentwicklung – er verweist auf die Dynacord CL-Serie, modern gestaltet in weißem Strukturlack für Edel-Diskotheken, mit hochwertigen Fostex-Lautsprechern bestückt. Die Anlagen gab es in robusteren Gehäusen auch als Monitore für die Bühne. „Klanglich war das Ende der 1970er Jahre der Zenit – Hi-Fi-Sound in Reinkultur, in der Disco steht die Stimme gefühlt direkt vor ihnen!“

Dynacord CL-Serie
Kompakte Dynacord-Breitband-Boxen der CL-Serie. Als Bühnenmonitore waren sie Boxen in robusteren Schräg-Gehäusen verfügbar. Warum er so viele davon hat? Wenn man Lautstärke zeigen will, genügt nicht eine Box auf einem Bild – damit der Betrachter auf die Idee kommt, es könnte laut werden, meint Pohlert (Bild: Christian Pohlert)

Orgeln: ELKA, Solina, Farfisa und Hohner

Abseits der PA-Verstärkung begeistert sich Pohlert auch für praktisch alle angrenzenden Themen, in denen seinerzeit wegbereitende Umbrüche stattfanden. Dazu gehört neben einzelnen Bandmaschinen und Mischpulten auch manches aus dem Orgel- und Synth-Bereich: Eine ELKA „Panther“-Orgel aus Italien, die gerne den Spitznamen „Capri“ erhielt, stellte ein frühes, in der europäischen Musikszene prägendes Instrument dar. Ein 1974er Solina String Ensemble gehört zur Sammlung, weil das bei Eminent gefertigte Instrument mit seinen Streicher-Sounds – erzeugt durch zueinander verstimmte Sägezahnwellen – bahnbrechend sein sollte. Farfisa baute mit der „Professional 110 R“ (was für „Rhythmus“ steht) eine aufwendige Hammond-Kopie. Die Orgel mit den zwei Manualen beeindruckte Pohlert – ebenso wie die erste mit Digitaltechnik ausgestattete Heimorgel, wie Hohner seine GP98 bezeichnete, die 1982 erschien und typische Timbres wie Flöte, Orgel und Streicher, dazu Effekte bot.

Hohner CP98
Hohner brachte 1982 laut Eigenbeschreibung mit der GP98 die erste digitale Heimorgel auf den Markt (Bild: Christian Pohlert)

Im Synth-Bereich: MIDI-Pioniere Roland und Sequential Circuits

Mit dem Roland MC202 („Micro Composer“) hat er die erste, 1982 erschienene Groovebox in seiner Sammlung: „Mit eingebautem Sequenzer war die monophone Klangerzeugung des SH101 zum elektronischen Alleinunterhalter aufgerüstet worden, ähnlich wie der TB303.“ Auch die technischen Entwicklungen in der Synthesizer-Technik begeistern ihn: „MIDI hätte es ohne den ehemaligen japanischen Roland-Chef Ikutaro Kakehashi und Dave Smith von Sequential Circuits nie gegeben: War die elektronische Steuerverbindung per MIDI zwischen dem Sequential Circuits Prophet 600 und dem Roland Jupiter 6 Anfang 1983 auf der NAMM noch eine Sensation, kam Roland als erstes mit dem MIDI-fizierten JX-3P Ende des Jahres auf den Markt.

Roland JX-3P PG-200
Der Roland JX-3P-Synthesizer stellt laut Pohlert die „MIDI-Premiere“ bei Roland 1983 dar, auf dem Bild mit PG200-Controller zu sehen (Bild: Christian Pohlert)

1984 gab es den Juno 106 mit komplexerer MIDI-Ausführung als Nachfolger des Juno 60 und löste das Vorläufer-Protokoll DCB aus Japan ab. Erst zwei Jahre später bot Roland das MIDI-to-DCB-Interface MD8 für den Juno 60 – und den Jupiter 8 – an. Welcher der beiden Synthesizer Juno 60 oder 106 besser klingt, wird heute bei astronomischen Preisen diskutiert.“ Dem Vergleich wollte sich Pohlert nicht entziehen, er besitzt beide. Ein Roland JD800 – der digitale Jupiter 8-Nachfolger – von 1991 fasziniert ihn ebenfalls: „Zusammen mit dem vierkanaligen Masterkeyboard im gleichen Design war man als Musiker verarmt, aber technisch auf der Höhe der Zeit, weil der JD- wie der D50-Sound überall zu hören war und es bis heute noch ist.“

Roland Juno-60 Juno-106
Unten: Roland Juno 60, darüber der mit MIDI ausgestattete Nachfolger Juno 106 (Bild: Christian Pohlert)

Behutsame Restauration als Aufgabe

Im hinteren Bereich des Supermarkts war früher eine Fleischtheke, grob noch zu erkennen an den gekachelten Wänden. Dort hat er seinen Lagerbereich für Ersatzteile eingerichtet – darunter Lautsprecher und jede Menge Logos oder Bespannstoffe. Während der Pandemie ist sein Techniker leider an Corona verstorben, erzählt er. Pohlert selbst setzt jetzt die Optik instand, er demonstriert eine fast „ladenneu“ restaurierte Box: „Das zeigt, wie sehr man dem Originalzustand kommen kann, wenn man den entsprechenden Aufwand reinsteckt. Oft reicht aber einfach sauber machen.“

Dort hinten befindet sich auch sein „Pausenbereich“. Er schaltet den Wasserkocher ein, brüht einen Instant-Kaffee, dreht sich dazu eine Zigarette. „Der Kaffee darf ein bisschen Musik haben?“ Er macht einen kleinen Löffel mehr rein, reicht Dosenmilch. „Ich habe mühsam die alten Tolex-Bespannungen besorgt – auch die Frontbespannungen, um die Verstärker zu renovieren.“

Logos
Logos und Bespannstoffe (Bild: Christian Pohlert)

Von der Frontbespannung zum NATO-Kampfstiefel-Stoff

Er sucht in unterschiedlichen Kisten, zeigt stolz einen goldfarbenen Bespannstoff. „Das ist der Originalstoff von 1966/67, das hat kein Mensch mehr! Ich habe aufwendig recherchiert, wer den Stoff gemacht hat, um Nachschub zu bekommen; eine Firma in Emsdetten. Mit denen habe ich telefoniert, über ein, zwei Jahre hinweg. Sie meinten, sie hätten noch Reste. Beruflich war ich recht eingespannt und hatte nicht immer gleich Zeit. Irgendwann meinte ich, jetzt komme ich!‘. Sie hatten gerade einen Besitzerwechsel. Als ich ankam, hieß es, ‚das Lager haben wir gerade weggeschmissen‘.“ Die Enttäuschung ist ihm noch anzumerken. „Ich bin in Tränen ausgebrochen, meinte, das kann doch nicht sein – wäre ich nur ein halbes Jahr früher gekommen.“ Bei der Weberei hieß es, sie hätten noch die Maschinen – die wollte er gerne sehen. „Wir fuhren in eine Halle, die wie ausgeweidet war – dort standen noch verloren drei uralte Webmaschinen herum und schüttelten vor sich hin. Die machten exakt dieses Gewebe für die Lautsprecher von damals – allerdings in einer anderen Farbe, Oliv. Das waren jetzt die Einlegesohlen für die Kampfstiefel der NATO! Das wurde dreischichtig gekettelt.“

Die Verantwortung, die eine große Sammlung mit sich bringt

Wie lässt sich das Gesamtbild des Equipments einordnen? Ein Freund hat es als „weltgrößte Sammlung für Bühnenmöbel“ tituliert. „Das könnte sein – ich habe viel gesehen, wenn ich Sachen abgeholt habe – aber auf eine so große Sammlung bin ich dabei nicht gestoßen.“ Er denkt gerade darüber nach, die Sammlung weiterzugeben, weil er sich künftig noch anderen Projekten widmen möchte. Pohlert spürt die Verantwortung, die mit der gesammelten Technik einhergeht. „Für mich allein ist die Sammlung eigentlich eine Nummer zu groß.“ Anfragen für einzelne Teile hat er immer wieder bekommen, man merkt ihm an, dass er die

Sammlung – ein Stück weit sein privates Lebenswerk – ungern auflösen möchte. Am liebsten würde er die Technik „geschlossen“ abgeben, irgendwohin, wo sie gezeigt werden kann, erzählt er. „Mein Traum war immer, dass dieser Zeitgeist einmal in einem Museum sichtbar wird – die ästhetische Entwicklung der Musik mit deutscher Ingenieurskunst am Wendepunkt zwischen Röhren- und Transistortechnik.“

Roland MC-202
Vom Roland MC202 („Micro Composer“) hat er zwei Exemplare des erste, 1982 erschienene Groovebox in seiner Sammlung. (Bild: POHLERT)

Fast „geschlossene“ Übergabe

Ein Zeitsprung, einige Monate später sieht es so aus, als könnte sein Traum in Erfüllung gehen. Ein Gleichgesinnter hat große Teile der Sammlung übernommen und will die „Bühnenmöbel“ ausstellen. Das Equipment wurde per Lastwagen abgeholt. Beim ersten Termin hatte das Team den Umfang mit drei Lastwagen noch unterschätzt, erinnert sich Pohlert augenzwinkernd, sie kamen nochmal, mit weiteren, größeren Lastwägen. Die Sammlung ist derzeit beim neuen Besitzer eingelagert und wartet auf ihren öffentlichen Auftritt in ein, zwei Jahren. Ein Deteil hatte der neue Eigentümer indes direkt im eigenen Auto auf dem Beifahrersitz mitgenommen – das vollständige Set programmierter Eproms für den „Digital Drum Percuter“ – das erste elektronische Schlagzeug eines deutschen Erfinders von Dynacord; über fünfzig steckbare Klangmodule im passenden Etui, von 1984. „Das sah natürlich verheerend gut aus”, erinnert sich an Pohlert an die Rarität.

Wie geht es ihm jetzt, mit etwas Abstand, damit, die Sammlung abgegeben zu haben? Er habe „Glück gehabt, dass die Sammlung in so gute Hände gekommen ist“ und könne recht gut damit abschließen – weil sich Fachleute darum kümmerten und der Gedanke sicherlich erhalten bleibe, so der Sammler. Pohlert ist davon überzeugt, dass der damalige Erfindergeist und die unkonventionelle Herangehensweise auch heute noch inspiriert.

Wieder ein paar Monate später schließen sich für Pohlert die Schiebetüren zum letzten Mal: Den Supermarkt hat er im Juni 2024 an seine Nachmieter übergeben, einen Verein aus Frankfurt. „Sie machen dasselbe wie ich einst, Boxen und Verstärker sammeln – allerdings etwas jüngere Technik.“

Akai S5000 S6000
Letzte Generation: Die Akai S5000- und S6000-Sampler bilden Ende der 1990er Jahre den Höhepunkt – und Abschluss – der “klassischen” Hardware-Sampler-Entwicklung. Pohlert schätzt sie daher als technologische Meilensteine.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.