Test: Spitfire Audio BBC Symphony Orchestra Professional

BBC Symphony Orchestra Professional Library

Spitfire Audio sind seit ihrer Gründung 2007 relativ schnell an die Spitze der Sample-Library-Hersteller geschossen und seither nicht nur für exzellente Libraries im Bereich der Film- und Games-Musikproduktion bekannt, sondern auch für kurze Release-Zyklen. Bei ihren Orchester-Libraries sticht nach einigen Jahren allerdings immer noch eine heraus, obwohl sie nicht mehr ganz taufrisch ist: die BBC Symphony Orchestra Professional Library

Und das zurecht. Von Spitfire selbst als deren bis dato umfangreichstes und ehrgeizigstes Projekt bezeichnet, wurden die Musiker des altehrwürdigen Londoner BBC Symphony Orchestra in den Maida Vale Studios aufgenommen, die bis dato noch der BBC gehörten – der Originalklangkörper in seinem natürlichen Habitat, sozusagen.

Was beinhaltet das Spitfire BBC Symphony Orchestra?

Die BBC-Library bildet ein komplettes Orchester inklusive Percussion und zusätzlichen Solo-Stimmführern der Streicher ab. Die Aufnahmen wurden mit 11 unterschiedlichen Haupt-Mikrofonpositionen verewigt – und schon hatte Spitfire ein Mammutprojekt am Bein und der Käufer knapp 640 GB (!) auf der SSD. Letzteres allerdings nur in der „Professional“-Ausführung, die alle gesampelten Instrumente, Spielweisen und Mikrofonpositionen beinhaltet.

Mit weniger als 30 GB begnügt sich die „Core“-Version, die ihrem Namen entsprechend, mit den wichtigsten Instrumenten und nur einer Mikrofonposition in den Ring steigt, dafür aber auch etwas weniger als die Hälfte kostet. Zum Kennenlernen ist übrigens eine sehr stark abgespeckte „Discover“-Version mit ca. 250 MB gratis erhältlich, die wahrscheinlich nur existiert, um Interessierte direkt abhängig zu machen, sobald sie in den Soundkosmos der unverschämt gut klingenden Library eingetaucht sind.

BBC Symphony Orchestra Professional Library Player
Der Player erlaubt flüssiges Arbeiten. Leider sind die meisten Keyswitches der Library außerhalb des spielbaren Bereichs eines 88-Tasten Masterkeyboards. Klickt man auf das Tastatursymbol links neben dem kleinen Schlosssymbol, kann man aber alle Keyswitches durch Ziehen einfach transponieren.

Besetzung des Spitfire BBC Symphony Orchestra Professional

Wenn wir gerade beim Thema sind: die Library klingt insgesamt sehr edel und strahlt im Default-Mic-Mix eine gewisse Sanftheit, Wärme und Eleganz aus. Man hat fast ein wenig Analog-Feeling, denn hier ist nichts grell und in-your-face, sondern alles wie mit einer leichten, edlen Patina überzogen. Der hervorragend klingende, große Raum ist deutlich wahrnehmbar, hat eine schöne Färbung und ist gleichzeitig noch recht transparent. Im Zusammenspiel entwickelt sich so ein sehr ansprechender, charakterstarker Orchesterklang, die Instrumente werden vom Raum getragen, aber nicht verwaschen – eben so, wie es bei einem klassischen Orchester der Fall sein sollte.

Beim Sound wie bei der Besetzung ist hier alles auf Realismus mit organischem Klang ausgelegt. 16-14-12-10-8 bei den Streichern, sowie 3-faches Holz und Blech sprechen für sich, und auch die üppige Auswahl der weiteren Instrumente schreit geradezu nach spätromantischen Orchesterwerken.

Sound und Mikrofonierung

Insgesamt klingen die Streicher und das Holz sehr schön, das Blech allerdings oft ein wenig zu zahm, hier hätte ich mir beim dynamischen Spielen noch mehr Strahlen in der lautesten Lautstärke gewünscht. Glücklicherweise gibt es beim Blech auch immer sehr schöne Long Cuivre-Samples, die dann als Workarround zugemischt werden könnten, wenn es darauf ankommt.

Die zahlreichen Mikrofonpositionen sind hervorragend gewählt und eine echte Geheimwaffe, wenn es darum geht den Sound flexibel nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten oder mit anderen Libraries zu verschmelzen. Super ist, dass die Spieler in situ, also in ihrer Sitzposition im Orchester aufgenommen wurden und sich somit direkt ein homogener Orchesterklang mit passendem Panorama ergibt. Schade finde ich allerdings, dass man das Potenzial des Mixers nicht ausgereizt und keine Werks-Presets für verschiedene, flexible Mic-Mixes mitgeliefert hat, zumal das Mixerfenster klein ist und gescrollt werden muss, um alle Fader zu erreichen. Zum Glück lassen sich eigene Presets abspeichern.

BBC Symphony Orchestra Professional Library Mics
Der Mixer bietet insgesamt 20 Signale. Darunter sind die ersten beiden komplette Mixes, wovon Mix 1 neutral und Mix 2 etwas frischer klingt.

Spitfire BBC Symphony Orchestra in der Praxis

Die Library kommt im hauseigenen Player daher, der technisch eine gute Figur macht und zahlreiche sinnvolle Einstellungen bietet, auch wenn einige Fenster, wie das der Preset-Auswahl oder des Mixers, unnötig klein gehalten wurden, was der Übersicht abträglich ist und zu häufigerem Scrollen oder Klicken führt. Multis sind ebenfalls Fehlanzeige, was aber zu verschmerzen ist.

Ansonsten lässt sich sehr schnell und problemlos mit der Library arbeiten. Sehr gut gefallen mir z.B. die Extented Legato Patches, die, abhängig von der Spielweise und den dabei getriggerten Velocity-Stufen, neben einem hervorragend spielbaren Legato auch weitere Artikulationen abfeuern können. So sind hier, je nach Instrument, Wechsel von z.B. Legato, Slured, Portato, Staccato oder auch Runs möglich, ohne dafür Keyswitches umschalten zu müssen – einfach nur durch Drauflosspielen. Das Ergebnis ist beeindruckend und ein echter Timesaver.

Daneben gibt es eine stattliche Auswahl der wichtigsten Artikulationen, die durch die Bank hervorragend zu spielen sind. Allerdings habe ich einige vermisst, die sich bei manchen Instrumenten anbieten und schwer zu simulieren sind, wie z.B. Rips & Falls / Glides z.B. beim Blech oder auch Sforzati, die wiederum nur beim Blech zu finden sind. Auch der Harfe hätten weitere Glissando-Varianten gutgetan. Erfreulicherweise stellt Spitfire Templates für die gängigsten Sequenzer zur Verfügung, sodass das komplette Orchester schnell in die DAW der Wahl einziehen kann.

BBC Symphony Orchestra Professional Libray FX
Die FX-Seite beherbergt als einzigen Effekt einen algorithmischen Hall. Alle weiteren Parameter sind fürs Finetuning der Samples verantwortlich und je nach Instrument und Artikulation aktiv oder ausgegraut.

Fazit

Spitfire Audio hat mit dem BBC Symphony Orchestra eine Library im Programm, die es ermöglicht einen edlen und klassischen Sound eines großen Orchesters zu simulieren. Ganz nach britischer Zurückhaltung wird hier nicht auf die große Hollywood-Orchestertube gedrückt, hierfür sind andere Libraries besser geeignet. Aber das will die Library auch gar nicht. Eigentlich bringt sie genau das rüber, wofür sie auch mit ihrem Namen steht.

Für Filmmusik ist die Library meiner Meinung nach trotzdem geeignet, allerdings mit transparenterem Grundsound – der zwar auch wunderbar und groß klingt – den ganz großen Schmelz gibt der Raum am Ende dann aber nicht her. Das ist allerdings eher eine Stilfrage und kommt auch immer auf den Einsatz an. Für Filme oder Games, bei denen es etwas naturalistischer klingen darf, gefällt mir der Sound ausgesprochen gut.

Auch wenn teilweise mehr Artikulationen oder Dynamikstufen gutgetan hätten, kommt man gut mit dem Gebotenen aus. Ob Core oder Professional hängt sicherlich auch von bereits vorhandenen Orchester-Libraries ab, allerdings machen die verschiedenen Mikrofonpositionen und die zusätzlichen Instrumente erst alles zu einer runden Sache in puncto Gesamtklang. So oder so erhält man eine Library, mit der man sehr gut arbeiten kann und die einfach wunderschön klingt.

Pro
+ charakterstarker, edler Sound
+ üppige Auswahl an Mikrofonpositionen
+ Extented Legato Patches

Contra
– keine Factory Mix-Presets
– teilweise zu wenige Artikulationen

Unter diesem Link findet ihr Spitfire Audio BBC Symphony Orchestra Professional bei MUSIC STORE professional.

Weitere Informationen zu der Library gibt es bei Spitfire Audio.

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